"Der Staub wird durch alle Ritzen kriechen"

Hochhaus-Sprengung in Leonberg
"Der Staub wird durch alle Ritzen kriechen"
Nathalie Mainka, veröffentlicht am 29.05.2009
Foto: factum
Von Nathalie Mainka
Seit Februar dauern nun schon die Abbrucharbeiten auf dem Wüstenrot-Areal inmitten von Leonberg.  Familie Lange wohnt in der Bahnhofstraße und bekommt Lärm, Staub und Dreck ungefiltert mit. "Manchmal ist es unerträglich, ganz schlimm war es, als sie die 3000 Löcher für den Sprengstoff gebohrt haben", sagt Heidrun Lange, lobt aber gleichzeitig die Kooperationsbereitschaft der Bauleute. "Wenn irgendein Problem auftaucht, sind sie sofort zur Stelle und helfen weiter. Und unserem Sohn haben sie eine Baggerfahrt versprochen", sagt sie und lacht.

Künstler Michael Lange ist schon seit Tagen damit beschäftigt, seine Skulpturen in Sicherheit zu bringen. Manche schleppt er in sein Atelier, um sie vor dem Staub zu schützen. Die fest installierten Werke bedeckt er mit weichem Vlies. "Ich hoffe, sie überstehen das." Die beiden Kaninchen der Tochter, die im Garten ihr Heim haben, nimmt während des vorübergehenden Auszugs eine Freundin auf.

"Jetzt ist es richtig hell hier"

Bis vor kurzem hatten die Langes nur wenig Licht in ihrer Wohnung im Erdgeschoss. Gleich hinter dem Gartenzaun aus Schilfrohrmatten stand die gut zwei Meter hohe Betonwand eines Parkhauses, das zum Bausparkassen-Areal gehörte. "Jetzt ist es richtig hell hier, das sind die Annehmlichkeiten des Abbruchs", ist Michael Lange begeistert. Und wenn irgendwann einmal Häuser stehen und nette Nachbarn einziehen, ist der Zaun ganz schnell weg", blickt er bereits in die ferne Zukunft. Er ist froh, wenn das hässliche Hochhaus endlich dem Erdboden gleichgemacht ist. "Das war noch nie eine Schönheit." Allerdings hätte er schon mit einigen alt eingesessenen Leonbergern gesprochen, die traurig über den Abbruch seien. "Für sie ist das Gebäude ein Stück Leonberger Geschichte."

Etwas mehr Entgegenkommen hätten sich Langes von der Stadtverwaltung gewünscht. Als das Parkdeck noch stand, hatten sie mit Wüstenrot eine Abmachung, so dass sie ihr Auto dort abstellen konnten. Jetzt fehlt die Alternative, denn in diesem Bereich der Bahnhofstraße sind keine Anwohnerparkplätze ausgewiesen, es gibt nur Parkuhren. "Ich habe schon einige Strafzettel bekommen", ärgert sich Michael Lange. Seit einiger Zeit versucht er, mit dem Ordnungsamt eine Lösung zu finden. Bislang ohne Erfolg.

Auch Andrea Sedlick, die im Haus gegenüber wohnt und bei Langes vorbeischaut, berichtet von den Vorbereitungen. "Ich habe gerade der alten Dame nebenan, eine griechische Witwe, die kein Wort Deutsch kann, erklärt, was sie tun muss. Sei ist ziemlich beunruhigt", sagt Sedlick. Zwar habe die Verwaltung allen Anwohnern einen Brief mit sämtlichen Informationen geschickt, doch könnten das einige ausländische Bürger nicht lesen, weil sie der Sprache nicht mächtig seien. "Wichtig ist, dass wir den Zettel an die Tür heften, damit die Polizei weiß, dass wir weg sind", sagt Sedlick. Wer am Samstag nicht zu Hause ist, sollte dies der Polizei vorher melden. Denn im Notfall darf sie alle Mittel anwenden, auch Gewalt, um Wohnungen und Häuser zu räumen.

Wichtige Dokumente müssen die Anwohner mitnehmen

"Es ist ein komisches Gefühl, wenn man evakuiert wird. Zwar sagen alle, das ist nicht schlimm, doch eine gewisse Anspannung ist da, weil kein Mensch weiß, wie es abläuft", sagt Heidrun Lange. Zumal die Familie Pässe und sonstige wichtige Dokumente mitnehmen muss. Ein wenig bange ist ihr, wenn sie nach der Sprengung wieder in ihr Haus zurück darf; und vermutlich doch alles dreckig ist, wenngleich die Feuerwehr mit einer Wasserwand versuchen wird, möglichst viel Staub zu binden. "Er wird durch alle Ritzen hindurch kommen", fürchtet sie.

Die Sedlicks gegenüber haben ihr Haus vor rund zwei Jahren gekauft und von Grund auf renoviert. Angst, dass es zusammenfällt, hat Andrea Sedlick allerdings nicht. "Das Haus ist 1873 gebaut worden und hat zwei Weltkriege überlebt. Da wird es auch die Sprengung des Hochhauses aushalten." Probleme sieht sie dann auf Anwohner zukommen, wenn Folgeschäden, beispielsweise Risse in den Wänden, entstehen. "Dann könnte es schwierig werden, irgend etwas nachzuweisen oder einzufordern."

Heidrun Lange verfolgt seit Tagen den Wetterbericht. Für Samstag hätte sie sich Regen gewünscht. Der bleibt vermutlich aus. "Mir graut es jetzt schon vor der Putzaktion", stöhnt sie. Und danach ist noch lange nicht Schluss mit dem Schmutz: Dann beginnt auf dem Abbruchareal das Aufräumen.