88 blaue Bäume für Szechuan

Artikel aus der Leonberger Kreiszeitung vom 05.09.2009

Gerade kommt Michael Lange aus China zurück - und ist schon wieder nach Peking geladen worden.
Von Benjamin Grau

88-bäume
Michael Lange reist auf einer Erfolgswelle, die ihn selbst schwindeln lässt: Kaum hat er ein achtwöchiges Kunststipendium in China beendet, reist der Leonberger Maler und Bildhauer wieder zurück nach Peking. Auf dem fünften "China Culture and Art Festival" in Peking soll er 88 seiner blauen Bäume ausstellen. Rund eine halbe Millionen Besucher werden dort erwartet. Gestern ist der Leonberger Künstler zu den Vorbereitungen ins Reich der Mitte abgeflogen. Besucher von Langes Atelier in der Bahnhofsstraße kennen die charakteristischen, tiefblauen Bäume bereits. Nun will der 53-Jährige einen ganzen Wald aus meterhohen, entwurzelten Stämmen installieren.
Die Wurzeln sollen sichtbar sein, um auf das Schicksal der entwurzelten Waisenkinder aufmerksam zu machen, die durch das große Erdbeben im Jahre 2008 in der Provinz Szechuan ihre Eltern verloren haben. Die entfernten Äste der Bäume drücken den fehlenden Halt der Kinder aus. Die blaue Farbe symbolisiert Veränderung und Neuanfang. Genau 88 Bäume sind nötig, weil die Zahl acht in China eine Glückszahl ist. Es soll ein positives Kunstwerk werden, das den Menschen Mut macht. "Wenn einer sagt, das gefällt mir, dann hat es seinen Zweck erfüllt", findet der zweifache Vater Lange. Er wolle die Welt nicht verändern. Und mehr als ein kleiner Fingerzeig auf das Schicksal der Waisenkinder stehe ihm als Europäer auch nicht zu.

Angefangen hat alles mit seinem zweimonatigen Aufenthalt im Künstlerdorf Songzhuang in der Nähe von Peking. Hunderte Künstler leben dort. Die genaue Zahl ist unbekannt. Hier studierte der 53-Jährige zwei Monate lang die zeitgenössische chinesische Kunst und arbeitete in einem 400 Quadratmeter großen Atelier. Ein Freund schlug vor, er solle sich doch für das Kunst-Festival bewerben. Michael Lange tat es und wurde prompt eingeladen.

Von den Künstlern in der Volksrepublik ist der Leonberger begeistert. "Sie sind kritischer als wir, obwohl sie es dort schwerer haben", berichtet der er und beschreibt ein Portrait, auf dem der Staatsgründer Mao Tse-tung in kurzen Hosen, Hawaiihemd und mit einer Coca Cola in der Hand dargestellt wurde.

Auch international renommierte Künstler ecken an. Beispielsweise Ai Weiwei, ein chinesischer Konzeptkünstler und Bildhauer - der zuletzt auf der "documenta" 1001 Landleute einfliegen ließ und damit Schlagzeilen machte. Er kritisiert offen die chinesische Regierung, zuletzt wegen derer Internet-Zensur. Weil er aber auch im Westen bekannt ist, lebt er relativ frei.

Neu fasziniert ist Michael Lange von Universalität moderner Kunst. Nationale Grenzen verschwimmen. Künstler hätten alle den gleichen Gedanken, "den gleichen Vogel", sagt er. Er fühlt sich erinnert an seine eigenen künstlerischen Wurzeln in den siebziger und achtziger Jahren: "Mir haben früher auch ein guter Rotwein und Spaghetti gereicht", erzählt er. Mit Frau und Kindern sei das aber anders geworden.

Den Sprung vom beschaulichen Leonberg ins brodelnde Peking zu wagen, war für ihn keine Frage: Wenngleich "die Ankunft in Peking eine gigantische Umstellung war", beschreibt Lange. Die Stadt sei "supermodern" und man werde ständig beobachtet. Zugleich seien die Leute "sehr nett und hilfsbereit", erzählt Michael Lange und ergänzt erstaunt, er habe in den zwei Monaten nicht einen Chinesen schimpfen gehört.

Moderne und Tradition stößt in der Hauptstadt aufeinander. Ein älterer Chinese sei mit seinem Eselskarren auf der Straße vor den Autos gefahren. "Es gab keine Aggressionen. Das war phantastisch", berichtet der 53-Jährige entzückt.

Besonders fasziniert hat den Leonberger die Hilfsbereitschaft unter den Künstlerkollegen vor Ort. Piao Guangxie, ein in China renommierter Künstler half ihm beispielsweise, Bäume für sein geplantes Kunstwerk auszugraben. Freiwillig und unentgeltlich. "Nimm doch das, was da ist", erinnerte sich Lange an den früheren Tipp eines Kollegen. Viele der Bäume, die wegen der Olympischen Spiele gepflanzt wurden, sind wegen der heißen Temperaturen bereits wieder eingegangen und boten sich deswegen an.

Die Einladung zum Pekinger Kunstfestival versteht Lange als große Chance. Sein persönliches Ziel ist es, ganz von der Kunst leben zu können. Aber das heißt auch nach Peking nicht, dass er jede Auftragsarbeit ausführen will: "Ich bin kein Raumausstatter, sondern Künstler", so beschied er einer Dame, die ihr Sofakissen ins Atelier brachte, auf dass er ein passendes Bild fürs Wohnzimmer male. "Kunst lebt vom Kontrast. Harmonie ist tödlich", sagt Lange.

Gerade als Künstler will er Perfektionist sein - das schon rein logistisch aufwendige Projekt für Peking "muss klappen", so Lange. Und wenn diese Herausforderung überstanden ist, dann will er Piao Guangxie und einen anderen chinesischen Künstler nach Leonberg einladen.