Konfuzius kennt kein Blau

Leonberger-Zeitung 09.03.2010.

LKZKonfuzius kennt kein Blau KopieVon Michael Schmidt

Der bildende Künstler Michael Lange ist mehrere Wochen in China gewesen – und seither völlig verändert.

Wenn ein Mann wie ein Baum beim prominentesten Kunstfestival Chinas 88 tiefblaue Bäume installiert, dann hat das für manchen Chinesen schon etwas von einer Kulturrevolution. Und seitdem der Leonberger Künstler Michael Lange in China gearbeitet hat, ist er nicht mehr der Alte, er sehnt sich nach neuen Horizonten, die er in erdverbundenen und zugleich ozeanweiten Werken zu finden hofft. „Nach China schau’ ich weniger denn je aufs Geld. Es geht allein um die Kunst“, sagt der Vater zwei Kinder.

Da sind eben die blauen Bäume, die Besucher von Langes pavillonartigen Leonberger Atelier just an der Grundstückskante zu Häusslers Stadtumbaugebiet nur allzu gut kennen. Mit 88 solcher Bäumen hat er beim jüngsten „China Culture and Art Festival“ in Peking gepunktet. In der mittlerweile weltbekannten Künstlerkolonie Song Zhung, rund zwei Autostunden vom Zentrum Pekings entfernt, bespielte Lange als einziger deutscher Künstler eine einstige Munitionsfabrik, chinesische Künstlerkollegen haben dort ihren Ausdruck gesucht und gefunden.

Wie im vergangenen Jahr berichtet, hat Michael Lange über Kontakte einer Leonberger Nachbarin ein  Stipendium im Reich der Mitte erhalten, wo er prompt zu der dort größten Kunstausstellung geladen wurde. Der Kurator jener Ausstellung ließ als Performance das einstige Symbol  chinesischer Urbanität und Mobilität zerstören, sinnreich machte eine Straßenwalze 1000 Fahrräder platt.

Langes Kunst, eine ganzer Wald aus blauen Bäumen, lehnte eher zurückhaltend am Eingang der großen Ausstellung und fand doch riesigen  Zuspruch. Denn ausgerechnet das chinesische Symbol der Unsterblichkeit, der Baum, mahnte an den Tod Zehntausender bei der Erdbebenkatastrophe in Szechuan im Jahr 2008, bei der tausende Kinder zuWaisen wurden.

Und so ganz anders als Konfuzius, der das Ideal chinesischer Kultur und „Religion“ auf Vollkommenheit in der großen Weltordnung, in der allumfassenden Harmonie suchte, konfrontierte Lange mit seinen entwurzelten, verworfenen Bäumen. „Haltlos legten wir sie an die Mauer der Fabrikbrache nieder und ließen sie fallen“, sagt Lange. Und doch blieb er nicht destruktiv in seiner Aussage: Jenes Blau, als Symbol für den Neuanfang, die Zahl 88 als chinesische Glückszahl, dies alles sollte den Neuanfang, Veränderung und Optimismus symbolisieren.

Zunächst hätten auch die chinesischen Atelierkollegen skeptisch reagiert, als er und sein Künstlerfreund Piao Guangxie eine Lastwagenladung voll alter, verdreckter und vertrockneter Baumstämme in den Hof der Atelierlofts kippten. Sinnigerweise wurde Lange im waldarmen Zentralchina vor allem an einer Stelle schnell fündig: Im einstigen Olympiagelände waren schon wenige Monate nach den Spielen die meisten jungen Bäume völlig hinüber. Auch das ist eine Symbolik für die Widersprüche der sich gewaltig veränderndenWeltmacht. „Am Anfang lernte ich ja vor allem feinsinnige und sehr  traditionelle Porzellanmaler und Kalligrafen kennen“, berichtet Lange. Das chinesische Piktogramm für Baum und Wurzel ist ein Muster an Ebenbürtigkeit und Symmetrie. Für den am liebsten mit organischen Material und Formen schaffenden Künstler waren diese Begegnungen sein herber Kontrast. „Aber dann lernte ich eben die jungen chinesischen Künstler kennen – und das war einfach faszinierend.“


Geschätzte 3500 Künstler leben in der Kolonie von Song Zhung, die für Chinesen nach der Großen Mauer mittlerweile zum beliebtesten Ausflugsziel geworden sei, erzählt Lange. Die wenigsten können von der Kunst leben – und auch nur die allergrößten  Namen sind durch ihre Prominenz halbwegs vor staatlicher Repression in ihrer Kunstfreiheit geschützt. „Jeder, der in China Kunst macht, riskiert viel“, sagt Lange voller Hochachtung – wobei der Staat zu Großereignissen wie Olympia so nebenbei zehn Millionen Euro in die Aufwertung jenes Künstlerdorfes gesteckt habe und sich auch auf dem internationalen Kunstmarkt profiliere. „Doch Künstler zu sein, bedeutet dort für die meisten, wie buddhistischeMönche zu leben.“ Darauf angewiesen sein, von Bauern etwas zu essen zu bekommen. Lange selbst lebte in einem zwar riesigen, aber kahlen Atelier, schlief auf einer Luftmatratze und berichtet von haarsträubenden hygienischen Verhältnissen. „Aber man kommt eben zu dem, was einen erfüllt: zur Kunst und nichts als derKunst.“LKZKonfuzius kennt kein Blau Kopie