Lichtwürfel weisen den Weg durch die Stadt

Stuttgarter-Zeitung 10.05.2010

Lange-Kunstn-2010 KopieFotos: factum/Granville

Stimmungsvoller Marktplatz: Michael Langes Installationen bilden als Blickfang vor den verschiedenen Kunststationen ein durchgängiges Lichtkonzept.

Ach hallo – so hat Matthias Eder eine seiner kleinen, feinen Skulpturen genannt, die während der Langen Kunstnacht in der Leonberger Stadtkirche zu sehen sind.

Der Titel ließe sich ohne weiteres auf die gesamte Veranstaltung übertragen: Neben den Werken in all den Galerien, Ateliers und temporären Kunstorten der Altstadt sind die zufälligen – und oft mehrmaligen – Begegnungen, das Plaudern hier, das Gespräch dort zentrales Element der Kunstnacht. Denn wenn auch auf den kurzen Strecken zwischen den Stationen zum Teil wenig Betrieb ist, so gleichen die Kunstorte selbst zumeist doch Bienenstöcken; fast überall herrscht Gedränge, ob im Stadtmuseum oder bei Hans Mendler, ob in der Kreissparkasse beim Höfinger Kunstportal oder in der Galerie Steibli. Sogar in Räumen, in denen sonst eher die Ruhe zu Hause ist, geht es munter zu, so dass die Kunstflaneure sie in einer ganz neuen Atmosphäre erleben.

In besonderem Maße gilt das eben für die Stadtkirche, die bei der fünften Auflage der Veranstaltung zum ersten Mal alsKunstort dabei ist, und zwar interdisziplinär. Das alt-ehrwürdige Gotteshaus erweist sich dabei als bestens geeignet für Zeitgenössisches. Während Matthias Eder mit seinen Arbeiten auf gelungene Weise den Chor buchstäblich in neues Licht taucht, sorgen der Jazzmusiker Torsten Krill und Rolf Breuer mit Wortbeiträgen für weitere künstlerische Noten. Vor allem Krills Schlagzeugintermezzi passen gut zu Eders Arbeiten einerseits und zur Kirche andererseits. Breuer hat es mit seinen Texten von Heinrich Heine und anderen etwas schwerer.

Als dann auch noch die Schrägen Vögel in ihren eben solchen Kostümen auftauchen, ist er etwas verunsichert. Aber die Schrägen Vögel sind freundliche Wesen und legen mit ihrem trommelbegleiteten, fröhlichen Umzug erst nach dem letzten Zitat los. Und auch, als sie längstwieder draußen sind, hört man sie noch durch die Gassen wandern. Im Lauf des Abends zieht ihre Kunde von der Freiheit der Fantasie durch die gesamte Altstadt, von einer Station zur nächsten. Ganz so wie die Kunstgänger.

Die haben an diesem Abend auch Gelegenheit, Blicke in abgeschiedene oder private Winkel der Altstadt zu werfen. Etwa, wie in den vergangenen Jahren, in das Atelier von Uta Herrmann oder in die Ateliers im Künstlerhaus. Oder aber in die niedrigen Räume über der „Bärenhöhle“, wo es unter anderem Porträts von Hubert Roos zu sehen und Musik zu hören gibt. Wie voriges Jahr haben sich Roos, Robert Böttigheimer und einige andere zusammengetan, um in zwei Kneipen etwas andere Kunst zu bieten – und durch den Verkauf von Bildern Geld fürs Hospiz zu sammeln. 500 Euro sind zusammengekommen, erzählt Böttigheimer, der beobachtet hat, dass das „Live-Malen“ die Leute zum Kaufen animiert.

Für die Kunst zweckentfremdet ist auch der Friseursalon in der Schlossstraße, wo die inParis lebende Malerin Nini Ferhi ausdrucksstarke Frauenakte ausstellt. Die Ecke Schlossstraße/Marktplatz ist weithin sichtbar,weil von Peter Feichter in pinkfarbenes Licht getaucht.

Da ist die Lichtinstallation, die Michael Lange als durchgängiges Konzept entworfen hat, zurückhaltender: Sozusagen als weiß leuchtender roter Faden verbindet sie alle Kunstorte miteinander, indem vor jedem eine von innen beleuchtete Konstruktion aus mehreren, zum Teil stoffüberzogenenWürfeln aufgebaut ist. Ein wohl austarierter Haufen dieser Würfel türmt sich zudem beim Brunnen auf dem Marktplatz. „Vier bis fünf Wochen“, überschlägt Lange, hat es gedauert, bis klar war, wie die Konstruktion funktionieren würde. Der Aufwand hat sich gelohnt: Neben den bunten Pylonen vor einigen Jahren ist dies das gelungenste Kunstnacht-Lichtkonzept.

Gelungen ist ebenso, was neben der Stadtkirche auch an anderen Kunstorten praktiziert wird: dieVerbindung derKünste. Da geben Schüler der Jugendmusikschule Konzerte im Galerieverein; da liest Adrian Lacour im Atelier von Regula Gebhardt, an einige Stationen gibt es Live-Musik, und in der Galerie im Künstlerhaus wird eine gesangs begleitete Modenschau geboten. So steckt im vermeintlich Bekannten immer wieder ein Aufbruch – den es übrigens auch namentlich gibt, und zwar in der Kellergalerie des Schwarzen Adlers: Dort stellt die Gruppe Aufbruch aus, die einst, sozusagen als mobile Gruppe, aus der Galerie Grußendorf hervorgegangen ist –wo heute Michael Schönpflug seine Galerie hat – und vergangenes Jahr im Spitalhof zu sehen war – wo diesmal die GruppeK-maeleon zu Gast ist. Man darf wohl gespannt sein, wo man sie nächstes Jahr antrifft.

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