Neurosen-Kunst sucht Stöckelschuh

Artikel aus der Leonberger Kreiszeitung vom 11.06.2010, Leonberg
Ein Künstler in Not: Michael Lange will Kunst aus alten Schuhen machen - doch die finden sich nirgendwo. Hat jemand einen alten Treter für den armen Maler übrig?

Von Michael Schmidt


Die Gesellschaft ist im Wandel, wohl wahr, und das ist ein idealer Nährboden für seelische Verformungen und Neurosen aller Art, sagt der Leonberger Künstler Michael Lange, der Ende Juni mit seinen Kolleginnen Isabell Kuhl und Regula Gebhardt in den Gewächshäusern der Gärtnerei Stammel zur sinnreichen und wortwitzigen "Neu-Rosen-Zucht" bittet. So weit, so Kunst. 

Doch vor dem Werk steht der Schweiß und der steht Michael Lange derzeit nicht allein ob des tropischen Wetters in seinem einstigen Blumen-Dilger-Atelier in der Bahnhofstraße auf der Stirn. Lange schwebt nämlich eine Schuhneurose als Kunstwerk vor, weil selbige vor allem den weiblichen Teil der Erdbevölkerung häufig ereilt. Allein: Der Objektkünstler, der sonst großzügig mit Farbe und auch mit Baumstämmen umherholzt, tut sich schwer, ausreichend Damenschuhe zu organisieren. Der Mann, der bescheiden wie ein Buddhistenmönch lebt, hat zwar eine charmante Frau und ein nettes Töchterlein, denen er aber keinesfalls die Schuhe von der Sohle weg beschlagnahmen kann und will.

Vor allem: Langes Kunst ist immer auch üppig. Ob nun Bilderrahmenmaße oder seine bekannten blauen Bäume: Gib ihm reichlich und davon viel, lautet sein Credo.

Viele, viele alte Schuhe sind in Leonberg gar nicht so einfach aufzutreiben, mussten die Langes nun feststellen. "Die Schuhläden haben heutzutage keine Lager mehr, in denen alte, übrige Kollektionen zu finden wären", sagt Gattin Heide Lange, die - aus praktischem Eigeninteresse - in Leonberg schon mal gefahndet hat, bevor ihr eigener Schuhschrank geplündert wurde.

Der letzte Ausweg? Ein Aufruf an die Leonberger Bürgerschaft, im Namen der Kunst: Spendet Eure Schuhe! Möglichst hochhackige Damentreter sollten es sein, wünscht sich der Künstler, der aber sicherlich kreativ genug ist, andere ehemalige Lieblingslatschen künstlerisch zu verschaffen, pardon, zu transformieren.

Da auch der Leonberger Kreiszeitung die lokale Kultur lieb und teuer ist, möchten wir allen Schuh-Interessierten auf diesem Weg unserer Hoffnung Ausdruck verleihen, dass die Leonberger ihre Schuhschränke leeren. Auf dass der international bekannte Künstler nicht zum Opfer einer Schuhsparneurose werden wird, hier seine Rufnummer: 0 71 52 / 23 260.

Und im Notfall: Es gab da vor Jahren eine Fuchsfamilie, die trieb, unweit von Langes Atelier, ihr Unwesen. Die jungen Füchslein stiebitzen nämlich vor Terrassentüren abgestellte Latschen aus halb Leonberg und legten selbige ausgerechnet bei Peter Hägele, dem Urenkel des einstigen Leonberger Schuhfabrikanten im Garten ab. Auch Hägele wandete sich damals an die Zeitung, wenn auch aus umgekehrtem Anlass: Er hatte eine Schubkarre voller Schuhe und wusste nicht wohin damit. Vielleicht sollte der bärengroße Künstler mit kleinen Leonberger Füchsen mal Kontakt aufnehmen?